22 Stunden im Jahr Warten auf die Frankenbahn

Die Heilbronner Stimme berichtet aktuell über einen 42-jährigen Heilbronner, der akribisch die Abfahrtzeiten seiner Züge nach Stuttgart und zurück notiert. Fazit: Im Jahr 2018 hat er 22 Stunden am Gleis gewartet, obwohl er Verspätungen der Züge von DB Regio erst bei mehr als fünf Minuten notiert. Für Michael Specht ist das nervend und frustrierend. Im Jahr 2017 kam er sogar auf 27 Stunden Verspätung, also umgerechnet gut drei Arbeitstage, heißt es in dem Bericht. Was dem Heilbronner auffiel: 2018 sei der meistgenannte Verspätungsgrund ein „verspätetes Bereitstellen von Zügen“ gewesen. Die App der Deutschen Bahn (DB) zeige oft eine pünktliche Abfahrt an, am Gleis sehe es ganz anders aus. Dass auf der Strecke alte Wagen ohne Klimaanlage fahren, grenze im Sommer fast schon an Körperverletzung, findet er. Und nervig sei, dass man als Pendler oft keine Informationen erhalte, warum ein Zug nicht kommt oder wann er denn losfährt. Auf HSt-Anfrage verweist die DB-Pressestelle auf unterschiedliche Ursachen für die Probleme, etwa Defekte an Weichen, bauliche Einschränkungen an der Infrastruktur, belegte Gleise oder Verspätungen im Fernverkehr, die sich auswirkten.

S-Hbf-RB-Frankenbahn

Tortur für Fahrgäste: Zugausfälle und Verspätungen ohne Ende auf der Frankenbahn, hinzu kommen im Sommer brütend heiße Ex-DDR Doppelstockwagen ohne Klimaanlage Foto: ©SCRITTI

Auch Landesverkehrsminister Winfried Hermann ist sauer auf die Leistungen der DB im Land und verzweifelt an deren Inkompetenz. In einem Brandbrief an den Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Odenwald hat der Verkehrsminister aufgelistet, was sich dringend ändern muss. Im Interview mit der Wochenzeitung Kontext erläutert Hermann, warum er sich manchmal fühlt wie Sisyphus.

Als eines der Hauptprobleme sieht er die mangelhafte Infrastruktur: „Eine der wesentlichen Ursachen für die Störungen ist, dass das Netz, die gesamte Infrastruktur Schiene über viele Jahre zu wenig gepflegt, instand gehalten, modernisiert worden ist. Und dass man bis heute den Kahlschlag für den geplanten Börsengang unter Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn spürt: Die Bahn schlank machen, alles, was nicht direkt gebraucht wurde, wurde weggehauen, Schienen wurden rausgenommen, Weichen ausgebaut, Betriebshöfe stillgelegt, Personal abgebaut – das schlägt bis heute durch. Das System ist so auf Kante genäht, dass jede kleine Störung gravierende Folgen hat.“ Was Hermann nicht erwähnt: Auch die Bauarbeiten für Stuttgart 21 wirken sich massiv auf den Verkehr im Stuttgarter Bahnhof aus, stören diesen oder verringern die Kapazitäten im Kopfbahnhof.

Zum DB-Krisenmanagement sagt Hermann: „Es ist jetzt bald zwei Jahre her, dass wir ein Krisenmanagement mit der Bahn, beziehungsweise mit der Tochtergesellschaft DB Regio, aufgebaut haben. Wir treffen uns regelmäßig einmal pro Woche, da werden alle Netze und Strecken besprochen. Wir haben Statistiken, wie viele Züge ausgefallen sind, wie viele verspätet sind, und wir können übers Jahr sehen, wie es auf und ab geht. Zwischendrin hat man das Gefühl, es wird jetzt deutlich besser, dann gibt’s wieder einen Rückschlag. Man könnte es auch so sagen: Erst fehlt das Personal, dann funktioniert der Wagen oder die Lokomotive nicht, und wenn dann wieder der Wagen funktioniert und das Personal da ist, dann klemmt die Weiche, und es geht wieder von vorne los. Es ist eine Sisyphus-Arbeit, zum Verzweifeln. Andererseits hat man auch das Gefühl, bei der Bahn auf tiefgreifende Ursachen dieser Probleme zu stoßen, die tatsächlich nicht von heute auf morgen zu lösen sind.“

Im Kontext-Interview benennt Hermann weitere Gründe für die nicht endenden Probleme auch auf der Frankenbahn. Im zweiten Teil des Kontext-Interviews erklärt Hermann, warum er einen Ausstieg aus Stuttgart 21 nicht für realistisch hält, wie er die DB-Klage zur Mehrkostenübernahme beurteilt – und wie er mit der Kritik von Projektgegnern umgeht. Die Reaktionen darauf sind vielfältig: Ein Abbruch von Stuttgart 21 sei nicht mehr vermittelbar? Nicht nur in diesem Punkt widerspricht Werner Sauerborn, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen S 21. In seiner Replik in Kontext wirft er dem Landesverkehrsminister vor, vorhandene Spielräume nicht zu nutzen. (mgr)

Ein Gedanke zu „22 Stunden im Jahr Warten auf die Frankenbahn

  1. Pingback: DB-Missmanagement treibt Fahrgastzahlen in den Keller | Weblog zur Frankenbahn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s